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Kongress-Dreiklang neu mit digital, physisch und „phygital“

Hybrid-Meetings werden laut ACB-Präsident und Chef von Kongresskultur Bregenz, Gerhard Stübe, zum „neuen Normal“ – gleichzeitig gilt es, das an Mittagstisch oder Bar verbannte Netzwerken wieder in den Fokus zu rücken.

Kongress-Dreiklang neu mit digital, physisch und „phygital“
© Kongresskultur Bregenz / Anja Köhler

Unter dem Titel „Die Macht des Zufalls“ beschäftigte sich der „ZEIT Campus“ vor einigen Jahren mit der Thematik, als Mann oder Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Beispiele dazu gibt es in der Geschichte zur Genüge. Glück spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

 

Eine glückliche Hand bewies auch das Austrian Convention Bureau (ACB), das seit Mitte des Vorjahres mit Gerhard Stübe einen ausgewiesenen Vordenker der Kongress- und Meetingbranche an ihrer Spitze hat. Stübe ist unter anderem einer der Mitgründer des micelab:bodensee, jener Forschungsplattform, die bereits seit Jahren ihren Fokus auf jene Themen richtet, die jetzt so aktuell sind, wie nie zuvor und der Branche damit Wege in die Zukunft weisen. Vor allem geht es dabei um das Aufbrechen von traditionellen Strukturen. Wie und in welcher Form, darum ging es im Gespräch von Gerhard Stübe mit dem AUSTRIAN CONVENTION BUSINESS FUTURE:

 

ACB FUTURE: Die Kongresswelt und mit ihr die gesamte Veranstalterbranche stehen Kopf. Jetzt stellen Sie als ACB-Präsident auch das Austrian Convention Business MAGAZIN auf den Kopf. Unter dem Motto „upside down“ soll sich das Austrian Convention Business FUTURE zu einem Labor entwickeln. Was waren und sind die Beweggründe dafür? Was wollen Sie damit erreichen?

Gerhard Stübe: „Die Gedanken an eine Weiterentwicklung unserer Kommunikationsmittel in der Branche sind schon vor der Pandemie entstanden. Der Vorstand des ACB hat im Jänner 2019 einen Strategie-Workshop abgehalten und am ‚purpose‘, also am Nutzen und Sinn des Verbands gearbeitet. Dazu gehört auch Inhalt und Art der zukünftigen medialen Kommunikation. Die Idee hinter dem Labor-Charakter ist, einerseits durch Leitthemen die aktuelle Situation abzubilden und andererseits auch durch Case Studies und Best Practice-Beispiele Impulse für die Zukunft unserer Branche zu geben. Haptisch sowie Digital.“

 

ACB FUTURE: Sie gelten seit jeher als „out-of-the-box“-Denker, der mit kreativen und ungewöhnlichen Ideen zum Verlassen bestehender Wege animiert – Stichwort micelab:bodensee. Lässt sich damit tatsächlich etwas Bewegen oder traut sich am Ende dann doch kaum jemand, bei seinen Veranstaltungen traditionelle Strukturen aufzubrechen?

Gerhard Stübe: „Besten Dank für diesen ‚Titel‘, freut mich sehr. Ich wurde unlängst in einer Panel-Diskussion gefragt, wie es uns im micelab:bodensee gelingen konnte, in den letzten sechs Jahren jene Themen zu qualifizieren, die nunmehr in der Pandemie so wichtig erscheinen. Wir haben die berühmten Trampelpfade verlassen und in Selbstversuchen und Experimenten untersucht, wie wir z.B. aus einem Zustand der Angst in einen Vertrauens-Zustand kommen. Oder ob es aus wissenschaftlicher Sicht wirklich so ist, dass Kollaboration mehr bringt, als alleine zu agieren. Dass uns diese Erfahrungen und Erkenntnisse gerade in solchen Zeiten helfen, liegt auf der Hand. Und was das Aufbrechen von traditionellen Strukturen von Veranstaltungen anbelangt, so hat COVID-19 mittlerweile auch hier ganze Arbeit geleistet. Es geht nun nicht mehr darum, sich zu trauen, sondern nicht den Anschluss zu verlieren.“

 

ACB FUTURE: Vor einem Jahr meinten Sie im Interview mit dem Austrian Convention Business MAGAZIN, dass die Gesellschaft wieder lernen muss, miteinander zu kommunizieren, im Sinne von richtig bzw. empathisch kommunizieren. Wann ist diese Eigenschaft Ihrer Meinung nach verloren gegangen? Welchen Anteil daran hatte die MICE-Branche, deren Hauptaufgabe ja u.a. im Miteinander-Kommunizieren besteht?

Gerhard Stübe: „Wir als Branche müssen uns schon auch selbst an der Nase nehmen. Dass es Jahrzehnte lang an Tagungen und Kongressen Frontvorträge gab und das ‚Netzwerken‘ an den Mittagstisch oder an die Bar verbannt wurde, hat einer emphatischen Begegnung keinen großen Dienst erwiesen. Jetzt, wo viel Wissen nicht nur bei wenigen Menschen vorhanden ist, sondern jederzeit von überall für alle abrufbar ist, geht es wirklich darum, die relevanten Köpfe zueinander zu bringen, um relevante Themen für das Weiterentwickeln unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Und dazu braucht es unsere Branche mehr denn je.“

 

ACB FUTURE: Ein brandaktuelles Thema sind Hybrid-Meetings. Untergräbt diese Art von Meetings nicht die Bestrebungen, wieder richtig zu kommunizieren?

Gerhard Stübe: „Nein, auf keinen Fall. Sie ist nicht fakultativ, sondern additiv. Wenn wir schlau sind, formen wir damit neue Veranstaltungs-Strukturen.“

 

ACB FUTURE: Welche Rolle werden Hybrid-Meetings Ihrer Meinung nach bei der Weiterentwicklung von Messen, Incentives, Kongressen und Events spielen?

Gerhard Stübe: „Sie werden zum ‚neuen Normal‘. Stellen Sie sich vor, eine Veranstaltung ist nicht nur in sich hybrid, also während der Durchführung am Ort, sondern sie verhilft zu einer neuen Art ‚attendees journey‘: der Teilnehmerschaft wird in einer Art Prolog-Phase bereits im Vorfeld der physischen Zusammenkunft (Kongress) die Möglichkeit geboten, sich digital in Foren, Paneldiskussionen, Workshops, etc. auszutauschen. Weiters erhalten sie die Möglichkeit, durch den Einsatz einer Matchmaking-Software sich mit anderen TeilnehmerInnen zu bestimmten Themen auf dem Kongress zu verabreden. Am Kongress werden Zwischenergebnisse präsentiert, vertiefende Workshops, Impulsvorträge, Master Classes, etc. abgehalten, Raum für ‚Matchmaking-Dialoge‘ zur Verfügung gestellt, gemeinsam gefeiert. Dem Kongress folgt eine digitale Epilog-Phase, die die Ergebnisse aus dem Kongress weiterentwickeln bzw. verarbeiten soll. Daraus ergibt sich wiederum ein neuer Prolog für den folgenden Kongress …“

 

ACB FUTURE: Meistens kommt es anders, als gedacht. Denn die Entwicklungen erfolgen nicht linear, sondern verzeichnen urplötzlich Brüche, die dann in komplett andere Richtungen führen. Wir alle erleben derzeit so einen Bruch. Ist es da nicht vermessen, Szenarien zu entwickeln, wie das Bild der Zukunft aussehen könnte?

Gerhard Stübe: „Ich stelle die Gegenfrage: ist es nicht vermessen, nicht daran zu arbeiten? Wenn wir uns keine Szenarien über unsere Zukunft erarbeiten, dann werden wir auch nicht resilienter gegenüber neuen tiefgreifenden Einschnitten in unser Leben. Zukunftsorientierte Institutionen, Verbände und Köpfe haben bereits vor Jahren von Hybriden Meetings und ‚Multi-Hub-Kongressen‘ gesprochen. Sie waren die Visionäre von damals, die die heutige Realität beschrieben haben und jetzt gut gerüstet sind. Ein weiser, leicht abgewandelter Spruch aus Vorarlberg beschreibt diese Haltung meine ich sehr gut: ‚wir ehren das Alte und begrüßen das Neue‘.“

 

ACB FUTURE: Wo und wie sehen Sie persönlich die Meeting Branche im Jahr 2030?

Gerhard Stübe: „Die Branche wird auch in Zukunft der Weiterentwicklung der Gesellschaft dienen. Persönliche Begegnungen, digital, physisch oder ‚phygital‘, werden wichtiger denn je sein. Diese mit den relevanten Inhalten zu füllen und die dementsprechenden Begegnungsplattformen zu bieten wird, unser aller Aufgabe sein.“

 

ACB FUTURE: Welchen Stellenwert wird da Ihrer Meinung nach Österreich im internationalen Geschehen spielen?

Gerhard Stübe: „Neutralität, Sicherheit, intakte Natur und die Menschen, die sich frei bewegen und entfalten dürfen und damit Wirken können, sind Gegebenheiten, die unser Land seit Jahrzehnten auszeichnet. Achten wir auf diese Grundpfeiler guten Lebens, dann wird Österreich auch weiterhin weltweit in den Top-Ten der Kongress-Destinationen zu finden sein.“

 

ACB FUTURE: Was sind die vorrangigen Aufgaben, die erledigt werden müssen, um das zu erreichen?

Gerhard Stübe: „Noch besser verstehen zu lernen, dass wir gemeinsam mehr erreichen. Ein erster Schritt wurde in der Pandemie bereits getan. Zwar ist auch da noch Luft nach oben, aber das ‚an einem Strang ziehen‘ der gesamten Veranstaltungsbranche hat doch zu einigen Hilfsmaßnahmen für die Branche geführt.“

 

(Christopher Norden) 18.12.2020

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